10. Mai 2016 Vortrag Dr. Florian Mercker: „Kunsthandelsstandorte Schweiz und Deutschland. Kunstmarkt / Kulturgutschutz – Ein Vergleich“

Ein Kreis von rund 40 Interessierten, darunter auch der amtierende Generalkonsul Frank Nohl, hatte sich im Paulaner am Nockherberg zu einem außergewöhnlichen Thema eingefunden. SDW-Vizepräsidentin Claudia Dittmar stellte den Referenten Dr. Florian Mercker von der Kanzlei PHIDIAS Rechtsanwälte vor, der sich mit der Betreuung großer internationaler Kunstvermögen befasst und täglich mit Kunstobjekten und ihren Märkten konfrontiert ist. Liebe zur Kunst kann bei ihm vorausgesetzt werden, hat er doch parallel sogar Kunstgeschichte studiert. Er schreibt auch Bücher zum Thema und ist im Vorstand der Stiftung Kunstakademie und Beirat im Startup
„52 masterworks“.

Die Zukunft für den Kunsthandel sieht Dr. Mercker eher in der Schweiz als in Deutschland. Eine Entwicklung, die sich mit zahlreichen Fakten unterlegen lässt: „Der Kunsthandel in Deutschland tut sich schwer. Liegt doch beispielsweise der Durchschnittsumsatz einer Kunstgalerie in Deutschland nur bei rund 60.000 €. Die deutsche Art Cologne ist nicht so hochklassig wie die Art Basel in der Schweiz. Letztere konnte, als größte Kunstmesse weltweit, 2015 mit 287 Ausstellern aus 23 Ländern und 98.000 Besuchern aufwarten. Der Großteil des Kunsthandels wird bereits heute in der Schweiz oder in den USA abgewickelt.“ Schon in der Zeit des NS-Regimes bot die Schweiz zwar vielen deutschen Künstlern und Sammlern Schutz und Sicherheit vor Bedrohung und Enteignung, auf der anderen Seite aber auch Versteigerungen enteigneter Sammlungen durch Schweizer Auktionshäuser.

Die USA, die ebenso wie die Schweiz bedeutende Sammler beheimatet, ist das Topkunsthandelsland mit 43 Prozent Marktanteil (Global Art Marketshare by Volume in 2015). Großbritannien folgt mit 21 Prozent. China und Indien sind stark im Kommen. Was aber für die Schweiz, mit einem hochrangigen Kreis an Sammlern, als Kunsthandelsstandort spricht, trotz eines starken Frankens und obwohl ihr offizieller Marktanteil nur 2 Prozent ausmacht, sind die günstigeren Rahmenbedingungen dort: kein Folgerecht (d.h. keine Abgabe auf Zweitverkauf), geringere Hemmnisse durch Kulturgutschutz, international vergleichbar niedrige Steuersätze, ein (noch) liberales bzw. freiheitliches Grundverständnis und keine Zollgebühren auf die Einfuhr von Kunstwerken.

Was die individuelle freie Verfügbarkeit von Kulturgütern immer wieder erschwert, ist das von Land zu Land unterschiedlich beantwortete Problem der Nationalität. Kommt ein Kunstwerk doch mit keinem Reisepass daher: Meist geht es um Probleme wie Exportverbote, Ausfuhrbeschränkungen, staatliche Vorkaufsrechte usw. An einem Beispiel führte uns Dr. Mercker dies gut verständlich vor Augen: So sollte eine Sammlung französischer Expressionisten an der Ausreise aus Italien gehindert werden. Deren schwedische Eigentümerin wollte nach dem Tode ihres Mannes, eines piemontesischen Conte, bei ihrem Umzug an die Côte d´Azur, dem staatlichen Ansinnen Italiens die Kollektion als italienisches Kulturgut zu betrachten, jedoch nicht folgen – die italienische Rechtsprechung letztlich zum Glück auch nicht! Für Dr. Mercker ist Kunst international: „Schließlich will gerade die Kunstwerke besitzende Klientel mit diesen auch jederzeit problemlos den Wohnort wechseln können!“

Ein anderes wichtiges Thema im Kunsthandel sind Zollfreilager – rund um die Uhr bewachte Kunsttresore der Moderne, wo Kunstgegenstände wie Gemälde sicher aufbewahrt werden können. Besonders in der Schweiz haben diese Lager eine lange Tradition und spielen eine immer wichtigere Rolle. Es handelt sich um private Unternehmen, die neben Ausstellungsräumen auch immer mehr zusätzliche Dienstleistungen wie Treuhandfunktionen, Restauration, Authentifizierung von Kunstwerken usw. anbieten. Sie besitzen extraterritorialen Status, das heißt die Waren befinden sich quasi im Niemandsland. Was Vorteile mit sich bringt: Zollabgaben und Mehrwertsteuer fallen erst an, wenn die Güter für den Verkauf in einem Land bestimmt sind. Transaktionen innerhalb der Freilager sind problemlos möglich.

Auch das Geldwäschegesetz, das Grenzen für die Bargeldzahlung vorsieht und das Kulturgütertransfergesetz kamen zur Sprache: Bei Kulturgütern von wesentlicher Bedeutung kontrollieren Zollbehörden die Ein-, Durch- und Ausfuhr. Hier sind besondere Sorgfaltspflichten für den Handel zu beachten. Als problematisch betrachtet Dr. Mercker, dass die „wesentliche Bedeutung“ eines Kulturguts neben dem Alter zukünftig an einem bestimmten Wert fest gemacht werden soll. Dies ist für ihn kein sinnvolles Kriterium: „Die Bedeutung eines Kunstwerks lässt sich daran nicht festmachen, sondern resultiert allein aus dem künstlerischen Wert, der unabhängig vom Preis und möglicherweise auch dem Entstehungsjahr ist. Das Gesetz will nach Ansicht vieler wohl eher die steuerlichen Voraussetzungen für die künftige Erhebung von Vermögensabgaben legen.“ Deshalb sieht auch Dr. Mercker dieses Gesetz skeptisch und befürchtet dadurch eine weitere Beeinträchtigung des Kunststandorts Deutschland, der sich schon heute mit einem großen Aderlass an Kunstobjekten konfrontiert sieht.

Zum Schluss präsentierte Katharina Christ das Startup „52masterworks.com“. (www.52masterworks.com) Das Unternehmen ist die weltweit erste Crowd Investment Art Collection. Hier verbindet sich Leidenschaft für Kunst mit dem Investmentgedanken. Sammler, Förderer und Investoren haben die Möglichkeit, in ausgewählte Kunstwerke zu investieren und gemeinsam eine einzigartige, zeitgenössische Kunstsammlung aufzubauen. Schon ab 250 Euro ist man dabei. Durch das Beteiligungsmodell erhalten Anteilseigner Zugang zu hochwertigen Werken und renommierten Künstlern und profitieren von deren Wertentwicklung. Erfahrene Kunstexperten suchen Werke mit Potenzial. Das Besondere an 52masterworks ist, dass alle Werke für die Öffentlichkeit in eigenen Ausstellungsräumen oder als Teil von öffentlichen Ausstellungen allen zugänglich gemacht werden. Beteiligte sowie Künstler profitieren auf diese Weise vom öffentlichen Interesse an den Werken. Unter bestimmten Bedingungen ist aber auch die vorübergehende private Ausleihe durch Investoren möglich.

Die anschließende lebhafte Diskussion zeigte, dass das authentisch präsentierte Thema beim Auditorium sehr gut ankam. Unser langjähriges Clubmitglied Ewald Zeitler steuerte eine nette Kunstanekdote aus seiner aktiven Zeit als deutscher Nestle-Chef bei, in der Oskar Kokoschka und der Sohn von Sophia Loren die Hauptakteure sind. War das entstandene Bild nun Kunst oder Marketinggag? Ein informativer, spannender Abend über ein interessantes deutsch-schweizerisches Thema, das viele Denkanstöße geliefert hat.

Thomas Ruhnke