6. November 2013: Vortrag von Simone Boehringer zum Thema “Die Macht der Ratingagenturen”

Mehr als 60 Club-Mitglieder und Gäste konnte SDW-Präsident Jürgen Schneider im Paulaner am Nockherberg am 6. November begrüßen. Unser langjähriges Mitglied Dr. Heinz Buckenmaier hatte zum Abschluss der diesjährigen SDW-Vorträge ein besonderes Schmankerl organisiert: Simone Boehringer, seit 1999 in der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung, sprach über „Die Macht der Ratingagenturen – Aufstieg, Irrweg und Zukunft der großen Spielmacher des Finanzkapitalismus“. Ein Thema, kontrovers und komplex, das in der heutigen Zeit in der Breite der Gesellschaft angekommen ist, weil es private Kreditnehmer genauso betrifft, wie Mitarbeiter in Firmen, deren Bonität bewertet wird.

Warum gibt es überhaupt Ratingagenturen wie Standard & Poor‘s, Moody‘s und Fitch – die drei Großen der Branche? „Dies hängt“, so Boehringer, „mit den Interessen von Investoren und Gläubigern zusammen, fachkundige Dritte untersuchen zu lassen, wie es um Bonität und Rückzahlungswahrscheinlichkeit bei Staaten, Firmen, Anleihen, Krediten und Finanzprodukten bestellt ist.“ Die Benotungen reichen vom höchsten Investmentgrade
„Triple A“ bis zur niedrigsten Bewertung „Zahlungsausfall“. Bei einem weltweiten Volumen moderner Finanzprodukte wie Derivate, Verbriefungen (Asset Backed Securities) von 430 Billionen Dollar (!) – mehr als dem 6-fachen des Weltbruttosozialprodukts, ist dies eine Aufgabe von enormer Bedeutung und Brisanz. Boehringer schilderte anschaulich die Fehlurteile in der jüngeren Vergangenheit bei zum Beispiel US-Hypothekenpapieren, Lehman Brothers, Enron, Worldcom und Parmalat. „Alle hatten“, so Boehringer, „zu dramatischen Konsequenzen geführt und Fragen aufgeworfen zu Macht und Unabhängigkeit der Ratingagenturen.“

Als Gründe für den Machtzuwachs von Ratingagenturen führte Boehringer Faktoren wie die wachsende Bedeutung von Kreditmärkten im 20. Jahrhundert, die Gründung der US-Notenbank, den gewaltigen Finanzbedarf im 1. und 2. Weltkrieg, das Ende des Währungsgefüges von Bretton Woods und die daraus folgende Kreditexpansion an. Für Boehringer sind aber auch regulatorische Vorgaben der Finanzaufsicht ursächlich für den gestiegenen Einfluss der Agenturen: „Diese Regeln tragen auch Schuld daran, dass die Ratingagenturen so mächtig geworden sind.“

Nach einem Blick auf kleinere Ratingagenturen wie die URA Ratingagentur, die auf den Mittelstand spezialisiert ist und auf neue Mitspieler wie die kanadische DBRS und die chinesische Dagong Global Credit Rating, informierte Boehringer die Zuhörer über die Besitzverhältnisse. Hier tauchten – für viele überraschend –  unter anderen Finanzinvestoren wie Black Rock und Warren Buffets Berkshire Hathaway auf. Zum Abschluss kam die heutige Stellung von Ratingagenturen zur Sprache, die rein rechtlich gesehen nur eine Meinungsäußerung über die Bonität eines Schuldners abgeben.

In der lebhaft geführten Diskussion standen Vorschläge zum Aufbrechen der Macht der Agenturen im Mittelpunkt. In diesem Zusammenhang kamen neue Bezahlmodelle zur Sprache: Kunden und Investoren sollten anstelle der Schuldner für das Rating bezahlen. Auch die Forderung nach mehr Transparenz der Bewertungsmodelle und nach mehr Konkurrenz auf diesem Markt wurden diskutiert. In einem Punkt waren sich die Referentin und die meisten Zuhörer einig: Ratingagenturen wirken in vielen Situationen als „Brandbeschleuniger“, wie es EZB-Chefökonom Ottmar Issing einmal formuliert hat. Reichlich Stoff für weitere interessante Gespräche beim anschließenden Abendessen und gemütlichen Zusammensein.