6. Oktober 2015: Vortrag von Wolfgang F. Carrier zum Thema „350 Jahre Uhrmacherei im Schweizer Jura“

Eine goldene, reich verzierte, alte Schweizer Luxustaschenuhr als Standbild auf der Leinwand. Der große Saal im Schweizer Haus des traditionsreichen Schweizer Vereins in der Münchner Leopoldstraße mit mehr als 100 Teilnehmern bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf dem Programm eine gemeinsame Veranstaltung von Schweizer Verein und dem Schweizerisch Deutschen Wirtschaftsclub München zur Geschichte und Entwicklung der Schweizer Uhrenindustrie in den letzten 350 Jahren.
Referent Wolfgang F. Carrier, ein profunder Kenner der Materie, war zum Uhren-Vortrag im Schweizer Haus eigens aus La Chaux-de-Fonds im westschweizerischen Jura angereist. Seit vielen Jahren ist der gebürtige Schwabe dort zuhause und nach einem abwechslungsreichen Berufsleben, das er u.a. auch in den USA, in Hongkong, Paris und Turin verbracht hat, ist er heute als Führer im dortigen Uhrenmuseum und für andere Sehenswürdigkeiten der Region tätig.
Nach der Begrüßung durch SV-Präsidentin Adelheid Wälti und SDW-Clubpräsident Jürgen Schneider standen drei große Themenkreise zur Entwicklung der Uhrmacherei in der Schweiz, speziell im Jura, auf dem Vortragsprogramm: Wie die Uhrentechnik in den Jura kam und wie sie dort noch heute blüht; berühmte Uhren der Region und die heutige Situation der Schweizer Uhrenindustrie.
Wie alles begann: Am Anfang der Entwicklung der Uhrmacherei in der Westschweiz standen aus Frankreich emigrierte Hugenotten, die die feinmechanische Uhrentechnik nach Genf brachten, wo 1610 schon mehr als 20 Uhrmacher tätig waren. Später wanderte das Gewerbe dann in den ärmeren Jura, wo sich günstigere Produktions- und Standortbedingungen fanden. Nicht zuletzt die Suche der einheimischen Bauern nach neuen Tätigkeiten für die lange Winterzeit waren ausschlaggebend für die Verlagerung innerhalb der Schweiz.
Berühmte Uhren: Zahlreiche Bilder von vielen schönen Taschenuhren, anfangs nur als Einzelstücke gefertigt, erfreuten und begeisterten die Anwesenden: Die „Marie Antoinette-Uhr“, für den Export nach Konstantinopel und ins Osmanische Reich konzipierte prachtvolle Uhren mit teils erotischen Motiven und Musikeinspielung, die erste Damenuhr für die Königin von Neapel, die „China-Uhr“, Marinechronometer, taktile Uhren, die „Proletarieruhr“ als erste einfachere Uhr – die Aufzählung ließe sich noch erweitern – sehr beeindruckend, zeigten sie doch den Glanz und die Bedeutung der Blütezeit dieser Uhrentechnik auf Manufakturbasis.
Die weitere wirtschaftliche Entwicklung und die heutige Position der Schweizer Uhrenindustrie auf dem Weltmarkt: Von großer Bedeutung war nicht zuletzt, dass seit Anfang des 19. Jahrhunderts die schnelle Entwicklung der Uhrenbranche in der Juraregion durch jüdische Einwanderer aus dem Elsass massiv gefördert wurde. Die zweitgrößte Synagoge der Schweiz, gebaut 1896, in La Chaux-de-Fonds legt davon noch heute Zeugnis ab. Um 1900 kamen mehr als 55 Prozent aller Taschenuhren aus dieser „Métropole horlogère“. 60 Prozent der Arbeitsplätze entfielen damals auf die Uhrenbranche.
Die Krise kam dann überraschend in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit dem Durchbruch der billigen japanischen Quartzuhren, die rasch den Weltmarkt überschwemmten und die auch dazu führte, dass die Einwohnerzahl von La-Chaux-de-Fonds innerhalb kurzer Zeit um rund 7000 Einwohner zurückging.
Zwei wichtige Meilensteine für den erneuten Aufschwung der Uhrenindustrie in jüngerer Zeit: Zum einen die billige Quarzuhr Swatch des Unternehmers Hayek, die aus nur 51 Teilen besteht und von der in zehn Jahren 100 Millionen Exemplare hergestellt wurden. Mit ihrem Pop-Design entwickelte sie sich zu einem Kult- und Erfolgsobjekt für Jahrzehnte. Zum anderen gelang es – Marketing ist alles – den alten Mythos von der Schweizer Luxusuhr neu zu beleben: Markennamen wie Rolex, Breitling, Audemars Piguet, Chopard, Tag Heuer, Jaeger LeCoultre und Blancpain lassen auch dieser Tage noch das Herz eines jeden Uhrenliebhabers höher schlagen. Mit rund 60.000 Mitarbeitern wird heute zwar auf Basis von Stückzahlen von der Schweizer Uhrenindustrie nur ein Weltmarktanteil von unter zwei Prozent erreicht, wertmäßig stehen die rund 28 Mrd. Schweizer Franken Jahresumsatz aber für über 57 Prozent!
„Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks“ sei der Vortrag gelaufen, bemerkte SDW-Präsident Jürgen Schneider völlig zu Recht in seinen Dankesworten an den Referenten, der mit lang anhaltendem Beifall verabschiedet wurde. Die Vortragsveranstaltung wurde von einer kleinen Uhrenausstellung abgerundet. In drei Vitrinen zeigte das Fachgeschäft Juwelier Fridrich in der Sendlingerstraße ausgewählte Uhren seiner Kollektion.
Herzlichen Dank an das gesamte Team des Schweizer Vereins für die gelungene gemeinsame Veranstaltung. Stellvertretend genannt sei hier Roger Menetrey mit seinem Küchenteam, der einen sehr schmackhaften Tafelspitz zum Gelingen des Abends beisteuerte. Auch dem Schweizer Generalkonsulat, vertreten durch Konsul Frank Nohl, danke für seine Präsenz.